Kurz bevor wir uns am Bahnhof begegneten, fegte warmer Sommerwind durch meine Haare. Ich wollte diesen unförmigen Haufen eigentlich noch etwas in Form bringen, aber dafür war leider keine Zeit mehr. Dein Zug wurde bereits von dieser ewig gestrigen Chris-Lohner-Bahnhofsdurchsage angekündigt. Ich dämpfe noch schnell meine Zigarette aus und stecke einen Kaugummi in meinen Mund. Der erste Eindruck soll ja bekanntlich der beste sein, obwohl du eigentlich sowieso weisst, dass ich rauche.
Der Zug hält an, und nervös sehe ich mich nach dir um. Vorne oder eher hinten. Naja, wahrscheinlich eher vorne. Du wirst vermutlich am letzten Drücker zum Bahnhof gekommen sein, und da keiner von den bequemen Reisenden einen Platz ganz vorne sucht, muss man nehmen, was übrig bleibt. Bevor du mich in den Arm nimmst, fluche ich noch innerlich über meine Haare, die sich gerade den Weg in mein Gesicht bahnen, aber angesichts dieses Lächelns waren mir meine Haare eigentlich wirklich egal. Wow, was für eine herzliche Begrüßung. Wenn du wüsstest, wie weich meine Knie waren, hättest du mich wahrscheinlich ein bisschen fester gedrückt. Man soll ja grundsätzlich keine Zeit verlieren, vorallem nicht, wenn sie knapp ist, so wie in unserem Fall. Wir gehen also zum Auto, du fragtest mich um eine Zigarette. Also wenn jetzt das Eis nicht geschmolzen ist, wann dann?
Der Weg zu mir kam dir vor wie eine Ewigkeit, Amstetten war wohl doch eine etwas zu unpräzise Ortsangabe. Kaum zu glauben, wie weit das ist, wenn man mit dem Kopf schon gemütlich angestoßen hat, der Arsch aber fest im Pseudosportsitz klemmt und der rechte Fuß auf Anschlag durchdrückt. Nicht so schnell. Hey, ich habe Durst!
Zuhause auf der Dachterasse genossen wir die laue Sommernacht, tranken Dosenbier, rauchten, erzählten von unseren alten Liebschaften und wie sehr wir eigentlich die Schnauze voll hätten, philosophierten über Musik, stellten fest, dass wir beide die gleiche Lieblingsband hatten, wobei ich dich spontan auf das Konzert einlud, dass in ein paar Wochen stattfinden sollte und ich zufällig zwei Karten hatte. Es war ein sehr unbeschwerlicher Abend, der nicht im Geringsten erahnen ließ, was sich daraus entwickeln sollte. Bis sich die Zigaretten dem Ende neigten…
Der nächste Zigarettenautomat befand sich glücklicherweise nur ein paar Gehminuten von meiner Wohnung entfernt. Da der Biervorrat ebenfalls nicht mehr recht rosig aussah, beschlossen wir einfach in die nächste Bar zu gehen. Um halb vier Uhr morgens zwar kein leichtes, aber ein durchaus mögliches Unterfangen. Wir landeten in einem Lokal, wo wir den Altersdurchschnitt um gefühlte 20 Jahre senkten, aber das war uns angesichts des Pegels bereits völlig egal. Mir ist kalt. Eigentlich sah ich dies ja mehr als Aufforderung dich in den Arm zu nehmen, als eine Chance auf Annäherung. Manchmal muss man die Dinge einfach pragmatisch sehen. Und dass daraus die längste Knutscherei seit Teenagerzeiten werden sollte, konnte nun wirklich niemand ahnen…
Nach ein, zwei Runden machten wir uns schließlich wieder auf den Heimweg. Voll bis obenhin und gerade an der Kippe der Lust angelangt, kam es irgendwie wie es kommen musste. Das Herz verschloss sich noch ein wenig, zuviel Altlasten trugen wir beide mit, zuviel Angst war vielleicht auch im Spiel. Angst, wieder enttäuscht zu werden. Angst, etwas zu fühlen, dass du vielleicht nicht fühlst. Oder so. Aber dass du soviel mehr als nur eine Nacht bist, weisst du genauso, wie ich es zu dem Zeitpunkt wusste…
Und so wachte ich am nächsten Tag sehr unerwartet mit dir in meinen Armen auf. Dann stand ich vor einem mehr oder weniger großen Problem, da der Tag nämlich genau Vatertag war, und ich zum Essen bei meinen Eltern eingeladen war. Und sowas nennt man dann wohl “aufs Ganze gehen”: Ich hab dich einfach mitgenommen. Über den Speiseplan meiner Mum warst du zwar nicht sehr glücklich, aber gute Miene zum bösen Spiel und irgendwie ist es ja gutgegangen. Anschließend meine Sachen gepackt, deine Sachen gepackt, Schwester Sachen gepackt, und ab nach Wien. Urlaub sollte bevorstehen, den ich in der Bundeshauptstadt verbringen wollte. Es folgte eine Woche unausgesprochener Gefühle und Hin und Her-Dings und nicht recht wissen… Du, ich glaub ich hab mich in dich verliebt…
2 Monate und gefühlte 100 Liter Bier später waren wir ein Paar. Gegensätze ziehen sich an, und in unserem Fall: Aus.
Das alles war vor zwei Jahren. Und es gibt keinen Tag, an dem ich mir diese unbeschwerliche Zeit zurückwünsche. Wo wir noch wir waren. Und Probleme weit weg. Wo wir uns in die Augen sehen konnten, miteinander lachen. Und jede Erinnerung sticht wie 20 Trilliarden Nadeln mitten ins Herz. Du, ich glaub, ich liebe dich noch immer…